Das Ende des Teams Milram - das Ende des Radsports?

Ein Kommentar

 

Angesichts des Rückzuges von Milram aus dem Radsportsponsoring lesen wir von "Journalisten" in sehr grossen Zeitungen (u.a. Spiegel online: Eine Sportart schafft sich ab), dass der Radsport nun praktisch tot sei . Wenn man ihre Artikel genauer durchliest, entsteht der Eindruck, die Schreiber hätten ihren Tätigkeitsschwerpunkt nicht im Sport und schon gar nicht im Radsport.

Soweit Argumente vorgetragen werden, sind dies fast gleichlautend folgende:

a) Das Interesse am Radsport wäre, bedingt durch Dopingfälle, am Nullpunkt.
b) Jugendliche kämen nicht mehr zum Radsport, da ihnen Vorbilder fehlten.
c) Es gäbe in Deutschland keinen Nachwuchs im Strassenradsport.

zu a) Radsport umfasst u.a.Track, Mountain Bike, BMX, Trials, Indoor Cycling sowie Jedermann-Strassenrennen. In diesen Bereichen ist von einem geringer werdenden Interesse auch in Deutschland nichts zu spüren.

Im Profistrassenradsport muss deutlich zwischen Deutschland und dem Rest der Welt unterschieden werden. Tatsächlich gibt es in Deutschland ab 2010 kein ProTeam mehr und mit den Vattenfall Cyclassics in Hamburg nur noch ein ProTour-Rennen. Einzelne Dopingfälle, aber auch in gleicher Weise die Art des journalistischen Umgangs mit ihnen, haben zu einem Sponsorenmangel geführt.

Das Zuschauerinteresse an der Stecke, etwa in Hamburg oder bei "Rund um den Finanzplatz Eschborn-Frankfurt" war 2010 aber ungebrochen hoch. In den klassischen Radsportländern (Italien, Belgien, Niederlande, Spanien und Frankreich) kann von einem toten Radsport absolut nicht gesprochen werden. Die Begeisterung bei den Landesrundfahrten und den Eintagesklassikern war auch 2010 überwältigend. Die A.S.O. als Veranstalter der Tour de France und anderer wichtiger Rennen, hat keinerlei Mangel an Sponsoren (über 200 allein bei der Frankreich-Rundfahrt). Sie konnte ein hervorragendes Betriebsergebnis erzielen.

Weiterhin gibt es viele aufstrebende Radsportländer in Europa. So ist die Polenrundfahrt nicht nur im ProTour Kalender aufgeführt, sie war das grösste Sportereignis in Polen 2010. Auch bei der Tour de Suisse (das bedeutendste Sportereignis in der Schweiz), der Türkei-Rundfahrt und der Dänemarkrundfahrt wurden neue Zuschauerrekorde aufgestellt.

"Neue Länder" die bisher noch keine grossen Rennen veranstalten konnten, kämpfen um die Aufnahme in den UCI Rennkalender. Ausserhalb Europas erfährt der Strassenradsport gerade einen grossen Aufschwung. In Australien hat man die Tour Down Under massiv aufgewertet, in Kanada konnten (Québec und Montréal) erstmals zwei ProTour Eintagesrennen veranstaltet werden. Die Kalifornien-Rundfahrt, etwa durch die Städte San Francisco, Pasadena und Los Angeles, war in diesem Jahr ein grosser Event. Auch in Afrika (etwa La Tropicale Amissa Bongo) und im arabischen Raum (Tour of Qatar, Tour of Oman) stiess der Strassenradsport auf grosses Interesse.

Wie die Commonwealth Games mit dem Strassenrennen auf einem Rundkurs in Neu-Delhi zeigten, wird auch - genau wie bei der Formel 1 - in Asien mächtig Gas gegeben.

Um die 18 Team-Lizenzen für die UCI ProTour kämpfen 24 Bewerber. Der Eindruck, die "Rückgabe der Milram-Lizenz" sei für den Radsport gewissermassen eine Katastrophe, ist einfach - vor rein sportlichen Aspekten ohnehin - falsch.

zu b) Dass dieses Argument weltweit gesehen Unfug ist, ergibt sich aus obigen Ausführungen. Für Deutschland ist es insofern nicht besonders tragfähig, da in Zeiten des Internet und der Globalisierung Vorbilder von Jugendlichen selten im nationalen Raum gesucht werden. In vielen Trendsportarten kommen die als Vorbild dienenden Stars auch bisher schon aus allen möglichen Teilen der Welt. Hier ist der Sportlertyp, seine Leistung und seine Darstellung wichtig und weniger seine Nationalität.

Im übrigen hat mit Andre Greipel ein deutscher Fahrer 2010 nicht nur mit der Tour Down Under eine wichtige Rundfahrt gewonnen, sondern auch über 20 Einzelsiege errungen. Tony Martin gewann die Bronzemedaille im Einzelzeitfahren bei der Weltmeisterschaft in Melbourne. Wenn es denn schon unbedingt deutsche Vorbilder sein müssen - also auch kein Problem.

zu c) Dieses Argument kann nur aus völliger Unwissenheit resultieren. Schauen wir beispielsweise zur Strassen-Weltmeisterschaft in Melbourne. Dort gewann in der Klasse U23 (also der weltbesten Nachwuchsfahrer bis 23 Jahre) Marcel Kittel aus Arnstadt die Bronzemedaille im Einzelzeitfahren und John Degenkolb aus Gera die Silbermedaille in Strassenrennen.

O.k. vielleicht sind Bronze- und Silbermedaillen für Journalisten, die sich zwar absolut gegen Doping aussprechen, gleichzeitig immer aber nur Sieger loben können, nichts wert.

Das Fazit:
Der Strassenradsport in Deutschland ist nicht tot, er durchlebt aber - bedingt auch durch unsachlichen Journalismus - im Hinblick auf Rennen und Profi-Teams, nicht aber auf Rennfahrer, eine gewisse Flaute. Weltweit ist die Faszination Radsport in den letzten Jahren eher gewachsen. Das Interesse in "neuen" Ländern und ganzen Kontinenten steigt massiv.

Und noch ein Nachtrag: ob nun die gebührenfinanzierten Fernsehsender Radsportereignisse übertragen oder nicht, dürfte bald egal sein. Wer die Internet-Übertragungen etwa von den ProTour Rennen in Montreal und Québec mit den hervorragenden Kommentaren von Laurent Jalabert gesehen hat, weiss warum.

Oktober 2010

 

 

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